Der Weekender Blog der Wirtschaftsförderung Südwestmecklenburg

Aus dem „autonomen“ Wendland in die Residenzstadt Ludwigslust:

Die Brüder Glowatzki und die Geschichte der „kleinen“ Häuser

Benjamin – genannt Benni – und Finn Glowatzki wachsen als Brüder im sehr beschaulichen Bergen an der Dumme im östlichen Niedersachsen auf. Während Benni, der ältere der beiden, bereits frühzeitig sein Talent als DJ und Event-Organisator erkennt, beginnt Finn nach Abschluss der Schulzeit eine bauhandwerkliche Lehre. Er wird Zimmermann. Und er bleibt seiner Heimat treu. Benni hingegen legt auf und mixed ab. Er zieht nach Hamburg. Es könnte aber eigentlich auch London sein. Oder Barcelona. Finn ist auch sehr viel unterwegs – auf Montage. Er wird Vater und spürt, dass er irgendwie versuchen sollte, kürzer zu treten. Zumindest perspektivisch mehr Zeit mit Frau und Kind verbringen zu können. Auch Benni wird Vater. Ein paar Jahre nach seinem Bruder. Und auch er merkt: Es ist Zeit, den bisherigen Kurs ein wenig zu ändern. Benni entdeckt per Zufall auf Facebook die „Tiny-House-Bewegung“. Spontan ist er begeistert. Und er steckt seinen jüngeren Bruder an. Beide lässt der Gedanke nicht los, mit einer eigenen Produktion ein Standbein für eine selbstbestimmtere Zukunft zu schaffen. Der Plan geht auf: Die Nachfrage könnte besser kaum sein. Dringend benötigen Sie mehr Platz für die Fertigung. Diesen entdecken die beiden bei uns: in Ludwigslust im Landkreis Ludwigslust-Parchim.

Auf den ersten Blick wirken die beiden sich sehr ähnlich – Benjamin und Finn Glowatzki. Benjamin, den alle nur „Benni“ nennen und der beinahe vier Jahre älter ist als sein Bruder Finn, ist seit vielen Jahren ein sehr bekannter Szene-DJ. Sein Künstlername lautet „Benni Moon“. Er ist es gewohnt, auf großen Bühnen aufzulegen. Auch beim Airbeat-One, das bald wieder das sonst doch eher beschaulichere Neustadt-Glewe für ein paar Tage lang zum Zentrum der Elektro-Musikszene macht, ist er bereits seit Jahren dabei. Dazu kommen regelmäßige Auftritte auf allen fünf Kontinenten. Und eine eigene Eventagentur, die von Hamburg aus zahlreiche größere und kleinere – dafür exklusivere – Veranstaltungen organisiert. Viel Zeit zum Träumen bleibt da eigentlich nicht, sollte man meinen. Und dennoch: In den letzten Jahren gingen „Benni“ oftmals Gedanken zu seiner Zukunft durch den Kopf. „Ich habe mich immer mal wieder gefragt, wie lange ich selbst eigentlich glaube, dass ich diese Sachen fröhlich so weiter machen werde“, sagt er mit einem nachdenklichen Gesichtsausdruck. Formal gäbe es natürlich für einen angesagten DJ keine Altersgrenze. Dennoch sei es auch schön, wenn man wisse, dass man ankomme, anstatt immer schnell die Koffer zu packen, um den nächsten Flieger zu bekommen. Für den nächsten Auftritt. Am nächsten Hotspot. Anders, als bei seinem jüngeren Bruder Finn.

Finn Glowatzki ist gute vier Jahre jünger als Benjamin. Gemeinsam wachsen die beiden auf. Ihre Heimat, der kleine Ort Bergen an der Dumme, lag vor 1990 nur einen gefühlten Steinwurf von der innerdeutschen Grenze. Mit der Wiedervereinigung wird aus jener „Sackgassenlage“ ein klassischer „Durchfahrtsort“ im kleinen Grenzverkehr zwischen Niedersachen und Sachsen Anhalt. „Vor der Wiedervereinigung sagten sich genau dort, wo wir aufwuchsen, Hase und Igel gute Nacht. Das war zwar irgendwie einsam – andererseits hat genau das meine Kindheit entscheidend geprägt. Es war das Gefühl grenzenloser Freiheit“, sagt Finn Glowatzki. Nach der Schule absolviert er eine Lehre, wird Zimmermann. Schnell macht er sich selbstständig und verlässt schließlich Bergen. Über die Stationen Berlin, San Sebastian, Berlin landet er zwischenzeitlich in Hamburg. Vor 5 Jahren wird Finn Glowatzki, den man anhand seines etwas längeren Bartes gut von seinem älteren Bruder unterscheiden kann, schließlich Vater. Er zieht zurück ins Wendland.

In dieser Phase entdeckt Benni Glowatzki durch Zufall auf Facebook ein Video einer neuen trendbewussten Bewegung, die sich für eine neue alternative Wohnform begeistert: Tiny Houses. Er ist fasziniert. Das Video schickt er seinem Bruder und bittet ihn um Auskunft: „Ich wollte wissen, ob das etwas sei, was wir auch bauen könnten“, sagt der große Glowatzki-Bruder. Mit „wir“ meint er in erster Linie seinen Bruder. Er selbst sei nicht der begnadete Handwerker. Er könne aber sehr gut kleinere handwerkliche Aufgaben übernehmen, die sein Bruder ihm auftrage und erkläre. Während Benni Glowatzki das sagt, spürt man kaum merkbar ein feines Lächeln um die Mundwinkel seines Bruders Finn.

Die beiden Brüder beschließen, sich tiefer mit der Materie zu befassen. Sie recherchieren. Sehr gründlich. Nächtelang. Über Monate. Finn Glowatzki: „Wir haben einen guten Haufen Menschen angesprochen und Fragen gestellt. Bis ich wusste: Ich kann das. Ich kann so ein Haus auf Rädern bauen.“ In Tüschau beginnt Sinn damit, den Bau eines Prototypen zu planen. Beide sind sich sicher: Das ist die große Chance, dem Leben eine entscheidende Wendung zu geben. Wenn die Idee funktioniert, dann können beide Brüder gemeinsam ein Unternehmen führen. Und entwickeln. Sie können andere Verpflichtungen hinten anstellen. Und Finn legt los. Schnell, sehr schnell sogar, tun sich neue Probleme auf. Die Möglichkeiten, die Finn Glowatzki in Tüschau hat, reichen bei weitem nicht aus, um vernünftig und wirtschaftlich sinnvoll eine Serie innovativer Tiny Houses bauen zu können. Eine Erweiterung muss dringend her!

Martin Kayser – die entscheidende Verstärkung für das Brüder-Duo

Bereits ein paar Jahre zuvor hatten die beiden Brüder eine neue Bekanntschaft gemacht: Martin Kayser aus Schwerin. Dieser hat Tischler gelernt, ist Bürokaufmann und auch Betriebswirt. Für das Tiny-House-Vorhaben könne man ihn auch als eine Art „eierlegende Wollmilchsau“ bezeichnen, sagt Benni Glowatzki mit einem breiten Grinsen. Noch sehr viel entscheidender als die fachliche Qualifikation wiegt aber, dass Martin Kayser den beiden Brüdern auch als Mensch sehr gefällt. „Martin bringt all das mit, was wir für unsere unternehmerische Vision brauchen. Daneben ist er auch ein großartiger Typ. Einer, der auf andere Menschen zugeht und diese begeistern kann“, sagt Finn Glowatzki. Der Plan der drei sieht vor, dass Martin Kayser mit der vollendeten Gründung einer GmbH zum geschäftsführenden Gesellschafter bestellt werden wird.

Zu dritt sprechen sie auch über das Thema „Standort“. Und die Notwendigkeit, einen neuen Standort, der optimale Bedingungen bietet, ins Auge zu fassen. Keine leichte Entscheidung, denn das Dreieck aus den Lebensschwerpunkten des Start-up-Trios heißt: Tüschau – Hamburg – Schwerin. Wobei für Finn Glowatzki wichtig ist, dass der ursprüngliche Standort in einer alten Scheune in Tüschau in der einen oder anderen Form erhalten bleibt. Langfristig will er dort Innovationen austesten und vorantreiben. Außerdem heißt das Unternehmen Tiny House Wendland. Für die beiden Brüder ist das mehr als nur ein Name. Sie sehen darin auch eine Art Qualitätsversprechen ihrer Marke. Mit dem Wendland, so Benni Glowatzki, verbinden die meisten Menschen eine gewisse Andersartigkeit und auch die Bereitschaft, neue Wege zu beschreiten. Die „autonome Republik“, so wurde das Wendland oft bezeichnet. Als Ausdruck des einheimischen Widerstands gegen die unterirdische Einlagerung atomaren Giftmülls. Aber das ist nur eine Seite der Medaille, wie Finn Glowatzki betont. Im Wendland gäbe es auch sehr viele Menschen, die einfach versuchten, das Leben und die damit verbundenen Herausforderungen ein wenig anders anzugehen. Alternativer. Und kleiner.

Die Residenzstadt Ludwigslust – ein Standort mit großem Potenzial

Die Wahl für den neuen Standort fiel schließlich auf Ludwigslust. Ein wahrer Glücksfall, wie die Glowatzkis unisono betonen. Die Tatsache, dass ein Standort in einer großherzöglich entwickelten Residenzstadt eine interessante Ergänzung zum ursprünglichen Standort im Wendland darstellt, ist den Brüdern auch bewusst. Eine tiefere Rolle habe das aber nicht gespielt. Es sei in der Tat ein interessanter Aspekt gewesen, sagt Benni Glowatzki. Vielmehr sei es aber bei der Entscheidung für Ludwigslust um die handfesteren Standortvorteile gegangen: die Autobahnanbindungen und die lokale Erreichbarkeit – sowohl für die entscheidenden Personen als auch für die benötigten Materialien.

In einer teilweise ungenutzten Halle in Ludwigslust wird mittlerweile produziert. Ein Tiny-House ist in vielfacher Art und Weise die optimale Lösung für bestimmte Lebenssituationen. Sei es als Ferienhaus, Wohnunterkunft für Studenten oder als „Downsizing-Objekt“ für Menschen, die ein gewisses Lebensalter erreichen, in denen ein größerer Hausstand zur Belastung werden könnte. Dazu kommt: Die robusten, energieeffizienten und stilvollen Häuser sind beweglich. Man kann sie im Bedarfsfall also von A nach B bewegen, falls Alternativen in Betracht kommen. Außerdem bieten sich diverse Möglichkeiten, ein Tiny House so zu gestalten, dass der Eigentümer genau das bekommt, was er braucht. Und dies bezieht sich nicht bloß auf die Auswahl der Küchen- bzw. Badausstattung. „Wir bauen jedes Haus so, wie der Kunde es sich wünscht,“ betont Finn Glowatzki. Damit unterscheiden sich ihre Lösungen von denen der Wettbewerber. Einige solcher Lösungen hat das Start-up im ersten Jahr bereits gebaut und verkauft. Eine größere Zahl, die über der eigentlichen Planung liegt. Wachstum ist daher vorgesehen. Und genau da liegt einer der wesentlichen Vorzüge am Standort Ludwigslust.         

Derzeit arbeiten sechs Mann in Vollzeit in der Produktion. Weitere Verstärkungen sind vorgesehen. Auch der Bereich Marketing und Vertrieb soll sukzessive ausgeweitet werden. Am Standort Ludwigslust natürlich, wie die beiden Brüder betonen. Büroräume sind vorhanden. Wenn alles planmäßig läuft, sollen pro Jahr zwei weitere Stellen neu geschaffen werden. Ebenso wird man einen weiteren Teil der Halle nutzen, um dann noch schneller produzieren zu können. Drei Monate – so lange beträgt die Wartezeit ab Bestellung für einen neuen Käufer. Eine Dauer, die weit unterhalb der Wettbewerber liegt. Was potenzielle Tiny-Haus-Interessenten überzeugen dürfte – vor allem vor dem Hintergrund, dass eben nach Wunsch gebaut wird. Und selbstverständlich ökologisch sauber. So, wie man es erwarten darf, wenn eine Idee aus dem Wendland bei uns im Landkreis realisiert wird.

Autor: Marc Brendemühl / Projektmanager Kommunikation und Marketing

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